[Kurzgeschichte] Richter Nolden

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[Kurzgeschichte] Richter Nolden

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by Esem Thu Mar 10, 2016 12:58 am
„Hast Du das Geld?“ fragte ich, während ich mir das Gesicht mit einem nassen Lappen abwischte. Er brummte gleichzeitig zufrieden und unwillig. Zufrieden weil er hatte was er wollte. Unzufrieden weil ich die Augenblicke danach zerstörte um nach dem Geld zu fragen. Ich sollte vielleicht wieder mit Vorkasse arbeiten. Ich schlüpfte in meinen Poncho und zog meine Haare heraus. Verdammt in dem ganzen Saustall hier gab es keinen einzigen Spiegel. Hoffentlich war nichts auf meine Haare gespritzt. Erstens verklebte es und zweitens vertrieb es mir die anderen Kunden. Aber noch war ich nicht fertig hier. Ich musste noch den Nachtisch servieren, so war es abgemacht. So geschah es jede Woche.

„Mach schon, gib mir das Geld.“ drängte ich und drehte ich mich zu ihm um. Er wuchtete seinen massigen Leib zur Seite und fischte seinen Geldbeutel unter seinem Ledermantel hervor. Er griff hinein und förderte ein Bündel Wechsel zu Tage. Nachdem er sich über die Fingerspitzen geleckt hatte, zählte er einen Betrag ab, drückte einen schmierigen Kuss auf das Papier und reichte mir das Geld mit einem kalten Lächeln. Ich nickte und brachte ebenfalls ein müdes Lächeln zu Stande. Er mochte es, wenn ich Erschöpfung zeigte.

Ansatzlos scheuerte er mir eine. Der Schlag war so heftig, dass ich kurz Sterne sah und zu Boden stürzte. Während ich blinzelte, um die blitzenden Lichter vor meinen Augen zu vertreiben, zog er seine Hose hoch und knöpfte sie zu. Er ließ einen weiteren Wechselschein auf mich herab segeln und sagte mit einem schmierigen Lächeln: „Hat Spaß gemacht mit Dir.“

Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen. Ein letztes Mal tastete er mich mit seinen Augen ab und taxierte mich wie ein Pferd. Langsam zog er seinen Mantel an, während ich meinen Kiefer massierte. Dann stieg er über meine Beine hinweg, wobei sein Mantelsaum meine glühende Wange streifte, und murmelte: „Mach‘s gut….“

Das alles gehörte zum Spiel. Zum Theater dass ich verkaufte. Er durfte dominieren und ich musste mich unterwerfen. Jede Woche musste ich erneut das Flittchen geben. Sein spezielles Ding war es, mich hinterher noch irgendwie zu demütigen. Genau genommen war das sogar der Höhepunkt der ganzen Angelegenheit für ihn. Diese bedingungslose Dominanz zu spüren, das liebte er. Er durfte mich schlagen, besudeln und entwürdigen und ich hatte zu folgen, einfach weil er jemand wie er und ich eine wie ich war.

Er blieb stehen und drehte sich um. Ich wartete mit gesenkten Blick ab, was nun passieren würde und blickte auf die Spitzen seiner Stiefel. Er griff in meinen Haare und zerrte mich ruckartig in die Höhe, sodass ich auf den Knien vor ihm kauerte, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Verdammt was hatte er vor. Es war vorbei, dafür hatte er nicht bezahlt. Mit der freien Hand hielt er mir ein Bündel Wechsel unter die Nase. „Mach’s Maul auf, Schlampe.“, knurrte er. Ich gehorchte. Er war Richter und ich die Schlampe.

Er steckte mir das Bündel Wechsel in den Mund und ließ meine Haare los. Plötzlich entspannte er sich und ich glaubte sogar ein Lächeln auf seinem Gesicht zu erkennen. Er tätschelte mir mit seinen dicken Fingern die Wange: „Das Geld ist für Dich, ein kleiner Bonus. Ich werde nicht mehr zu Dir kommen. Man will dass ich zurück nach Justitian komme. Sie sagen, ich hätte lange genug den Barbaren die Paragraphen in die Schädel geprügelt.“ Er machte eine Pause. „Kann nicht sagen, dass ich das Dreckloch hier vermissen werde….“ Wieder glitt sein Blick über mich und schien in jede Pore meiner Haut einzeln einzudringen. „Dich allerdings schon. Morgen geht’s los.“

Was sollte ich sagen? Ich freute mich. Das Spiel mit Ihm gab mir schon lange nichts mehr. Aber nachdem er vor sechs Jahren hier her gekommen war, hatte er es schnell zum Vorsteher der Fabrik gebracht. Wer hier leben wollte legte sich besser nicht mit ihm an. Anfangs, so hatte man mir erzählt, sei er beliebt gewesen. Er hatte sich den Respekt der Leute in der Fabrik verdient, indem er in ihrem Namen mit den Leichenfressern verhandelt hatte. Er hatte den Ausbau der Befestigungen koordiniert, die Lebensmittelverteilung geregelt, den Streit zwischen den Gießern und den Walzern in den Werkshallen geschlichtet und die Fabrik war, durch die Zulieferungen aus dem sogenannten Protektorat, überraschend schnell zu einer kleinen Stadt geworden.

Auch ich war eines Tages mit einem Flüchtlingstrek aus dem Norden gekommen und hatte mich hier niedergelassen. Es war einfach zu gut hier, um weiter zu ziehen.
Doch Nolden, der darauf bestand das man ihn stets mit Richter Nolden ansprach, veränderte sich. Immer öfter ordnete er an, eine Strafexpedition gegen die Leichenfresser aufzustellen. Immer ausführlicher wurden seine Gerichtsverhandlungen und mit jedem Monat, den er länger im Amt war, wurden seine Urteile härter und absurder.
Die Sicherheitsvorschriften, wie er sie nannte, wurden immer mehr erweitert. Alle zwei Monate kam eine Lieferung mit Tabletten, von Männern in Gummianzügen. Zusammen mit den Eisenlieferungen. Impfungen nannten sie das, oder Prophylaxe.

Zum ersten Mal hatte ich mit Nolden zu tun, als es darum ging so eine Prophylaxe zu nehmen. Ich wollte diese Scheiß Kügelchen nicht haben. Der Glatzkopf der sie mir gegeben hatte, faselte etwas von Seuchen, Geschlechtskrankheiten und Kontrazeption. Ich hatte ihm gerade gesagt, dass er sich seine Pillen in den Arsch schieben soll, da kam Nolden. Er erkundigte sich was los sei und der Gummiglatzkopf ließ einen Vortrag über irgendwelche Seuchen vom Stapel und stellte mich dar, als würde ich den Leuten hier die Fäulnis direkt in ihre Suppenkessel rotzen.

Das war natürlich Quatsch. Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass eine Hure, die nicht auf Sauberkeit achtet, keine besonders alte Hure wird. Nolden sagte ich sei unkooperativ und solle in Beugehaft genommen werden. Manchmal glaube ich, dass ich die Einzige in der Fabrik war, die von Anfang an das Kranke in seiner Seele gesehen hat. Nolden spielte nur den Heiligen. Aber tief in seinem Inneren war er vertrocknet, lange bevor er in die Fabrik kam. Er sehnte sich nach Annehmlichkeiten, Ruhe und Müßiggang.

Das schützte mich natürlich nicht vor der Beugehaft. Aber was sollte ich tun? Alle mögen Huren, aber keiner ist bereit, sich für eine Hure mit einem Typ wie Nolden anzulegen. Der Gummimann hatte allen Angst gemacht mit seinem Geschwafel und nun glauben die doch echt, dass das nächste Sporenfeld zwischen meinen Beinen wuchs. Scheinheilige Arschlöcher. Nolden schleifte mich in seine Amtsstube, ein rostiger Blechcontainer.

Beim Verhör kroch die Einsamkeit aus ihm heraus. Man könnte sie förmlich riechen und schmecken: In jeder seiner Bewegungen und in jedem langsamen Ausatmen zerrte das dunkle Biest, dass er hinter all den Regeln und Vorschriften seines heiligen Codex weggesperrt hatte, an seinen Ketten. Er stellte mich vor die Wahl, entweder würde er mich als Bedrohung für die Volksgesundheit einem Feldarzt vorführen, was dazu führt, dass sie mich gleich einen Kopf kürzer machen, oder sie würden mich ins Ödland, nach Norden oder Westen jagen, bis ich den Leichenfressern in die Hände gefallen wäre. So oder so sah es nicht besonders gut aus. Denn bleiben konnte ich auch nicht. Bisher hatte ich mich in der Manufaktur der Fabrik normal an der Arbeit beteiligt, mich nicht übermäßig krumm gemacht und mir hier und da was dazuverdient. Natürlich galt ich nicht als Vorbild in Sachen Moral, aber es machte mir auch niemand das Geschäft kaputt. Nun wo ich offiziell der Unzucht beschuldigt war, konnte ich nicht sicher sagen wie die verdammten Weiber in dem Laden hier reagieren würden und sollte sich das Gerücht festsetzen, dass ich irgendeine Krätze hätte, wäre es das für mich in der Fabrik gewesen.

Also tat ich das, was ich immer in solchen Situationen getan hatte. Ich tat das, was ich getan hatte, um kürzere Schichten oder eine leichtere Arbeit zu bekommen. Ich bot mich im Tausch für die Vergünstigung an. Wenn jemand wie dieser Richter Nolden sich vor mich stellte und seine schützende Hand über mich hielt, würde mir das ziemlich weiter helfen.

Nolden war wie eine kranke Kuh in einer Herde und ich wie ein hungriger Gendo. Alles an Nolden schrie danach einmal, nur für ein Moment, alle Moral, jegliche Kontrolle und jede Regel abstreifen zu können. Sich einmal völlig hemmungslos gehen zu lassen und den niedersten Trieben nachzugeben.

Und so kam es, das Nolden mir ein Angebot machte. Er würde verkünden, dass alles ein Irrtum war und von mir keine Bedrohung für die Fabrik ausgehe. Dass ich meine Arbeit wie alle anderen auch machen würde und meinen Beitrag leiste. Mein Vorteil dabei war, dass ich weiter meinen Geschäften nachgehen und meine Kunden empfangen konnte. Sein Vorteil aus dem Deal war, dass er jederzeit einen Anspruch auf mich hatte und dabei tun konnte, was er wollte.

Es klappte hervorragend. Er wies mir immer wieder andere Arbeiten zu, solange bis jeder in der Fabrik davon ausging, dass ich genau so viel arbeitete wie alle anderen, nur eben gerade an einem anderen Platz. Irgendwann konnte ich ganz aufhören und niemand merkte es. Drei Winter kamen und gingen wieder. Vier mal pro Jahr kamen die Reiter in den Gummianzügen, versteckt sich hinter ihren Atemmasken und verteilten Tabletten an uns. Dafür bekamen sie Hufeisen und Klingen für ihre sonderbaren Bolzenschneider.
Ich lernte die Besuche der Spitalier, wie sie sich nannten, zu schätzen. Jeder in der Fabrik wurde untersucht. Wer sich weigerte wurde ins Ödland gejagt, so lautete Noldens Regel. Die besten Geschäfte machte ich mit den niedrig gestellten Spitaliern. Einem von ihnen erzählte ich, dass ich Probleme hatte die langen Schichten in der Gießerei durchzustehen. Da gab er mir eine Dose mit kleinen Krümeln drin, die wie winzige Eisblumen aussahen. Ich sollte einfach einen Krümel nehmen und ihn zu feinem Staub zerbröseln und dann in mein Zahnfleisch reiben. Dann könnte ich ohne weiteres drei Tage am Stück durcharbeiten. Eigentlich hatte ich ihm die Geschichte nur erzählen wollen, um sein Mitleid zu wecken und ihn ins Bett zu kriegen, aber das wollte er gar nicht. Ich glaube er war einfach ein Menschenfreund. Zwölf mal kamen die Ärzte zu uns in die Fabrik. Neun Mal brauchte mir mein Famulant irgendwelche Medikamente mit.

Nolden hielt seine schützende Hand über mich, während er mich mit der anderen befummelte. Anfangs wollte er es ganz gewöhnlich. Später musste ich Rollen spielen. Die geile Advokatin, die verurteilte Burnerin, eine geschändete Jehammedanerin. Was auch immer, ich konnte sie alle. Aber das Tier in ihm war hungrig und mit jedem Brocken, dem man ihm zuwarf schien es mehr Appetit zu bekommen und noch tiefer in die Abgründe seiner Seele sehen zu wollen. Er fesselte mich, er schlug mich, er verhöhnte mich, er würgte mich, alles wonach ihm der Sinn stand machte er mit mir. So war der Deal. Ich hätte jederzeit ins Ödland gehen können. Aber anfangs war die eigentliche Macht in unserer Beziehung von mir ausgegangen. Doch das hatte sich längst geändert.

Anfangs hatte auch ich es geliebt, das Spiel aus Macht und Gefügigkeit, aus Selbstbewusstsein und Scham im Spannungsfeld zwischen Lust und Schmerz. Heute waren er und ich so verschieden wie nur was. Er war ein mieser Penner, der so viel Verkommenheit und Perversion gesehen hatte, dass er selbst so geworden war, wie der Abschaum den er tagsüber im Namen der Gerechtigkeit zur Strecke brachte.

Ich hingegen hatte schon immer zum Abschaum gehört. Ich hatte früh begriffen, dass man alles irgendwie verkaufen konnte. Aber die besten Geschäfte machte man mit den Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten der Menschen. Doch je besser ich darin wurde, die Rechtschaffenen auszunehmen, umso mehr verachtete ich mich selbst dafür.

Wie vielen hatte ich ewige Liebe geschworen und dabei nur an knisternde Wechsel gedacht? War es möglich, dass all der Schweiß, der Staub und Dreck, all die Säfte, die ein Mensch so hervorbringen konnte, irgendwie durch meine Haut in mich eingesickert waren? War es denkbar, dass ich nun nach all diesen Dreck stank, ohne es selbst zu merken?

Ich merkte es aber. Wenn ich ehrlich zu mir war, dann merkte ich, dass ich stank. Jede Pore meines Körpers dünstete meine Sünden aus. Ich erinnerte mich noch an einen jungen Kerl vor drei Jahren.

Mir war dieser balkhanische Junge egal gewesen, der um mich zu retten bei einem Grubenkampf umgekommen war. Ich hatte sogar zugesehen und ich hatte gelacht. Es gab nur wenig Momente, in denen ich mich so lebendig gefühlt hatte wie damals, als ich die Verzweiflung in den Augen dieses sterbenden jungen Mannes gesehen hatte. Er war nicht verzweifelt, weil er sterben musste. Wir alle mussten irgendwann krepieren. Er war verzweifelt, weil er in meinem Lachen erkannte, dass er sein Leben völlig sinnlos weggeworfen hatte. Er hatte sich auf einen Kampf eingelassen, um die Würde einer Hure zu verteidigen.

Ich hatte meinen Finger in das Loch in seiner Brust gesteckt und gefühlt, ob ich da irgendwo sein Herz ertasten konnte. Ich konnte es nicht, aber egal. Er starb, ich würde sterben. Am Ende blieb von allem nur Dreck übrig. Ich hatte ihn angesehen, und beobachten können, wie sein Blick brach. Und während er seinen letzten Atem hervorgurgelte, hatte ich vor ihm gekauert, einen Finger in seine Wunde geschoben und hatte mir mit der anderen Hand die Schnapsflasche gegriffen und einen tiefen Schluck genommen. Der Selbstgebrannte rann meine Kehle hinunter, während Blut seine Kehle hinauf gurgelte. Dann war er endlich still und ich ließ ihn zurück, euphorisiert von dem Gefühl zu leben.

Er stieß mich mit der Stiefelspitze an und holte mich aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Wer würde sich jetzt vor mich stellen, wenn die Ärzte wieder kamen? „Hast Du was zu trinken hier?“ fragte er. Ich nickte. „Dann bring es mir.“, forderte Nolden. Als ich aufstehen wollte, grinste er: „Nein, ich will will, dass du auf allen Vieren hin krabbelst, wie ein räudiger Gendo.“ Ich gehorchte und krabbelte ins Nebenzimmer.


Er blickte sich im Zimmer um und schaute in den trübe und fleckig gewordenen Spiegel. Ihn starrte ein Mann an, der älter aussah als er war. Haare und Bart waren schon früh von grauen Strähnen durchzogen worden. Der Wassermangel in der Fabrik sorgte dafür, dass man nur selten dazu kam, sich zu waschen, daher hingen ihm fettige Strähnen in die Stirn. Diese verdammten Klanner hier draußen waren menschlicher Müll. Sie hatten nichts, bevor er gekommen war. Sie hatten nichts gelernt, solange er da war und sie würden wieder im Chaos versinken, wenn er weg war. Was hatte er alles gesehen hier? Er hatte einen Mann gesehen, der seine eigene Tochter genommen hatte. Er hatte gesehen, wie die Leute hier einen der Leichenfresser vor dem Tor gepfählt hatten, weil die Leichenfresser einen von ihnen verschleppt und wahrscheinlich aufgefressen hatten. Der Mistkerl hatte gottserbärmlich gewinselt, als sie ihm den Pfahl reingerammt hatten.

Er hatte hier Männer, Väter gesehen, die ihren eigenen Kindern die Wasserrationen weggesoffen hatten. Was auch immer es an Verkommenheit und Charakterschwächen gab, hier draußen im Ödland fand man sie alle. Er war hergekommen im Glauben an die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit war eine Notwendigkeit für ihn gewesen. Etwas, dass man erschaffen und erhalten musste. Ein Maß der Zivilisation, dass hier draußen vergessen worden zu sein schien. Er hatten die Rädelsführer hier abgesetzt. Die Hackordnung, die hier herrschte, zerschlagen mit seinem Hammer und wer nicht auf den Schlag des Hammers hörte, der musste die Treue eben seiner Muskete schwören. Die Vollidioten hier hatten sogar die Spitalier anfangs verjagt, weil sie sie nur für eine weitere marodierende Gruppe hielten. Gegen Feinde von außen standen sie zusammen, wenn man glaubte siegen zu können. Aber die an Zahl deutlich überlegenen Leichenfresser bezahlten sie. Manchmal sogar, indem sie einige ihrer eigenen Leute verkauften. Er hatte aus der Fabrik das gemacht was sie war. Eine blühende, aufstrebende Stadt, ein verlässlicher Partner für das Protektorat.

Justitian bekam Stahl aus der Fabrik und lieferte dafür Waffen, Munition und Medikamente. Es ging diesen Behinderten hier verdammt noch mal besser als jemals zuvor. Erstmals in der bekannten Geschichte der Fabrik hatte eine Gruppe das Gelände länger als drei Jahre für sich behaupten können. Sechs Jahre insgesamt war er nun hier. Justitian hatte sich lange geweigert seine Leistung anzuerkennen. Doch jetzt war es soweit. Morgen wurde er abgelöst. Irgendein anderer Junge voller Tatendrang würde seinen Platz einnehmen und er würde zurück nach Hause gehen und seine Mutter wieder sehen.

Mutter. Er konnte sich gut an seine Kindertage erinnern. Seine Mutter war Advokatin gewesen. Intelligent, gerissen und eine Zunge wie eine Rasierklinge. Sein Vater war Arzt gewesen. Leider hatten beide nie besonders viel von ihrem Sohn gehalten. Er war längst nicht so gedankenschnell wie seine Mutter und in der Statur kam er nicht nach seinem Vater. Wo sein Vater Muskeln hatte, spannten sich bei ihm dünne Sehnen unter blasser Haut. Beide Eltern bemühten sich, schafften es jedoch nicht, sich die Enttäuschung über ihren Sohn nicht anmerken zu lassen. Besonders seine Mutter war der Meinung, dass sie durch die Schwangerschaft die Chance verpasst hatte zur Kommissarin berufen zu werden. Sein Vater glaubte, dass er zu schwach für ein Leben außerhalb Justitians sei. Schließlich war er selbst bei irgendeinem Feldzug gegen einen Haufen Leperos in Franka umgekommen. Aber Mutter lebte noch und hockte wahrscheinlich in ihrem Zimmer, in ihrem Schaukelstuhl, zog von Zeit zu Zeit ihr Grammophon auf und hörte dieses uralte Lied von dieser Frankerin, die sang, dass sie angeblich nichts in ihrem Leben bereue.

Das, was ihm an körperlicher Stärke und geistiger Schnelligkeit fehlte, machte er durch eisernen Willen wieder wett. Es half ihm, als er als Vagant den Codex paukte und sich zu den Protektoren meldete. Er hätte beides machen können. Advokat und Protektor. Es hatte ihm aber leider nicht geholfen, als er angefangen hatte sich für Frauen zu interessieren. Er war stets zu dick gewesen und er hatte schon immer ein Doppelkinn gehabt. Richter hin oder her, keine hatte sich mit ihm einlassen wollen. Aber die scheiß Weiber konnten es nicht einfach sein lassen. Sie mussten ihn immer noch verhöhnen, wenn sie ihm einen Korb gegeben hatten.

Irgendwann hatte es mal eine versucht sich an ihn ran zu schmeißen. Aber sie hatte nur seinen Status geliebt, nicht ihn. Aber das war in Ordnung gewesen. Er war immer stolz darauf gewesen, ein kultivierter Mensch zu sein. Er hatte Bücher gelesen, viele sogar. Nietzsche, Balzac und Descartes hatte er verschlungen und schließlich war er darüber so ins Lachen geraten, dass ihm die Tränen die Wangen hinunter gelaufen waren. Nichts von dem, was diese angeblich größten Philosophen ihrer Zeit geschrieben hatten, hatte heute noch irgendeine Bedeutung. Nur der Nihilismus selbst hatte sich allen Feuerwalzen, allen Ascheregen und Staubstürmen zum Trotz gehalten.

Der Nihilismus war die Essenz des Lebens selbst. Wie die Schwachsinnigen versuchte alle Welt irgendetwas aufzubauen und tat so, als wäre irgendetwas davon von Bedeutung. Aber am Ende aller Tage würde nichts mehr übrig sein als Staub und Dreck. Was spielte es also für eine Rolle, ob ein Wasserdieb eingesperrt wurde oder gelyncht? Wer kümmerte sich schon um ein zerfetztes Kind? Niemand interessierte es wirklich. Selbst für die Eltern ging das Leben irgendwann weiter. Auch das Gesetz war nur das Trugbild einer Ordnung. Es steckte den Wolf nur in ein menschliches Gewand, aber ohne das Gesetz kam der Wolf wieder zum Vorschein.

Wenn er 30 Leute gegen die Leichenfresser schickte und keiner von ihnen zurück kam, dann beschleunigte das nur den natürlichen Ablauf der Dinge. Am Schluss würden sowieso alle tot sein. Er, die Leute aus der Fabrik und die scheiß Leichenfresser.

Bis sie kam. Eines Tages kam sie mit einem Trek aus dem Norden. Sie war die perfekte Frau. Sie war Unschuld und Sünde, Gebet und Erlösung, Tod und Wiederauferstehung in einem. Als er sie sah, wusste er, dass er sie haben musste, um jeden Preis, egal wie. Wenn es schon kein einziges Buch in dieser verdammten Fabrik gab mit dem man sich die Zeit vertreiben konnte, war sie die Rettung!

Aber es zeigte sich, dass auch hinter diesem Engelsgesicht die Fratze der Unmoral wohnte, so wie bei allen Weibern. Er bekam es mit, als ein Spitalier ihm berichtete, dass sie von Hurerei lebte und sich nicht gegen Krankheiten schützte. Es war ein Geschenk Gottes und als er es ihm auf einem Silbertablett präsentierte, griff er zu. Hier draußen, am Ende der Zivilisation, war er da nicht so was ähnliches wie Gott? Er hatte die Macht zu entscheiden wer leben durfte und wer sterben musste. Man fürchtete und man liebte ihn und waren nicht die Einlassungen der Beschuldigten so etwas wie Gebete und die Verhandlungen, waren das nicht Gottesdienste?
Anfangs hatte er in den Armen des Mädchens Trost gefunden. Trost für den Spott, den die Frauenwelt für ihn gehabt hatte. Später allerdings hatte sie versucht mit ihm zu verhandeln und sich als ähnlich gerissen wie seine Mutter heraus gestellt und irgendwann war ihm klar geworden, dass dieses Miststück von ihm abhängig war. Nur solange er seine Hand über sie hielt, konnte sie weiter ihr bequemes Leben führen und sie? Sie tat so als hätte sie sich das irgendwie erarbeitet. Als wäre dieser Luxus durch irgendeine Leistung gerechtfertigt. Aber sie schuldete ihm was. Sie schuldete ihm was für all das, was er für sie getan hatte und für alles, was man ihm angetan hatte und er hatte beschlossen, dass sie ihre Schuld begleichen würde.

Einen Moment liebte er in den Spielen mit ihr besonders. Den Moment, in dem ihr jedes mal aufs neue klar zu werden schien, dass ihr sie ihn nicht um den Finger wickeln konnte. Der Moment, wo der Stolz aus ihrem Blick wich und von Angst ersetzt wurde. Zu keinem Zeitpunkt sah sie schöner aus, als wenn er sie schlug. Wenn ihr wertvollster Besitz, ihre Schönheit, gebrochen vor ihm lag. Wenn sie mit aller Kraft gegen ihn gekämpft hatte und einsehen musste, dass sie ihm nicht entkommen konnte. Wie sehr hatte er sich gewünscht seine Mutter einmal so zu sehen? Sie einmal so weit zu bekommen, dass sie eingestehen musste, dass er ihr übermächtig war?


Als ich in das Zimmer zurück gekrabbelt kam, trug ich die Brandweinflasche zwischen den Zähnen. Gendos trugen Dinge auch im Mund. Er schien völlig in Gedanken versunken zu sein. Ich ließ die Flasche fallen, sie plumpste zu Boden und rollte über den Boden, bis sie an seinem Fuß anstieß. Er blickte auf. „Weiß Du was, Schlampe?“ fragte er. Ich schüttelte den Kopf.
Er zog den Korken aus der Flasche, roch einmal daran und nahm dann einen großen Schluck. Die meisten Leute, die Angst vor Sporen hatten gaben sich dem Suff hin. Es hieß, dass es so gut wie unmöglich war, sich durch feuchte Sporen mit der Fäulnis anzustecken. Er nickte und grinste: „Gutes Zeug, schmeckt anders als der andere Mist.“ Ich nickte. Jetzt zu reden war gefährlich. Bald würde ein langer Vortrag über irgendeinen philosophischen Kram kommen. Er nahm noch einen Schluck. „Du, Schlampe,“ fing er an, „wie würdest Du es finden, wenn ich Dich mit nach Justitian nehme?“
Damit hatte ich nicht gerechnet. Wie, zum Eshaton, stellte er sich das vor?
„Du könntest als meine Haussklavin mitkommen. Du könntest kochen, putzen und mir den Richthammer polieren.“ Er sah mich forschend an: „Was sagst Du?“ Ich sah ihn noch immer völlig perplex an. Ich musste irgendwie Zeit schinden. „Ich … Ich weiß nicht. Stotterte ich.“
Er lachte und nahm abermals einen Schluck. „Du weißt es nicht? Willst Du dich lieber wieder hier von den stinkenden Stahlwalzern durchvögeln lassen, du undankbares Missstück?“ er gluckste unvermittelt. „Hab ich gerade Missstück gesagt? Du und ne Miss! Haha!“ Er lachte und wischte sich über die Stirn. Dann wandte er sich wieder mir zu: „Ich denke wirklich nicht, dass Du hier ein besseres Angebot bekommst …. Verdammt stickig hier drin.“ Abermals wischte er sich mit dem Unterarm über die Stirn. Sein Gesicht war nun glänzend vom Schweiß.

Alles was ich an Medikamenten gehabt hatte, das Kopfschmerzmittel, die Tabletten gegen Muschipilz, die gesammelten Aufputschmittel, Antibabypillen und Mittel gegen Übelkeit, die Abführmittel, fluteten in seinen Blutkreislauf. Ich hatte alles was da war zerrieben, in die Flasche gekippt und verrührt. Der Scheißer würde sich nicht einfach so aus dem Staub machen, er würde bezahlen.

Er schaute auf seine Hose, als könne er dort etwas Fremdartiges sehen und murmelte: „Scheiße was ist das?!“. Er sprang auf und schlug sich mit der Flasche in den Schritt. Er kreischte weiter, während er rückwärts durchs Zimmer taumelte: „Was ist das für ne irre Scheiße! Verdammte Mistviehcher!“ Immer wieder schlug er sich mit der Faust zwischen die Beine. Dann blieb er wie angewurzelt stehen und schien durch die Wand auf etwas zu schauen, das nur er sehen konnte. Ich war in der Zwischenzeit aufgestanden. Ich trat hinter ihn, meine Hände umfassten die Enden des Ledergürtels. Ich warf die Arme von hinten über seinen Kopf und zog den Gürtel zu.

Noldens vernebeltes Gehirn nahm irgendwo durch den Nebel aus Drogen und selbstgebranntem Schnaps noch wahr, das ihm nun echte Gefahr drohte. Aber ein Fettsack wie er würde sich nicht verteidigen können. Nicht so, wie er unter Drogen stand. Nicht mal, wenn ich weniger als halb soviel wog wie er. Seine dicken Finger tasteten nach dem Lederband, dass sich bereits in seinen Hals schnürte, aber noch gab er glucksende, eher kichernde Laute von sich. Aber je länger ich den Druck aufrecht erhielt, desto so ruhiger wurde er. „Scht“ flüsterte ich ihm ins Ohr, „wehr Dich nicht.“ Dann sackte er erst auf das linke Knie dann auf das rechte, sein Kopf war dunkelrot angelaufen. Er gluckste noch einmal, der warme Geruch von frischem Urin breitete sich im Raum aus. Dann fiel er nach hinten um. Ich zog zur Sicherheit noch etwas länger an den Gürtelenden, bis ich glaubte sicher sein zu können, dass er tot war.

Den kommenden Morgen verbrachte ich in Noldens Gerichtsstube, bis der Tross aus Justitian eintraf. Zwei Schlapphüte steckten den Kopf zur Türe herein: „Tag, ich bin Protektor Grant und das ist Vagant Eders.“ Ich nahm die Füße vom Tisch, nickte und stand auf. „Tag. Kommt rein Kollegen, ich bin Richter Nolden.“
Die beiden sahen sich an.
„Stimmt was nicht?“ fragte ich.
Grant schaute mich verlegen an: „Wir dachten Richter Nolden sei ein Mann.“
Ich lüftete meinen Hut und breitete die Arme aus und lächelte mein strahlendstes Lächeln: „Wie Sie sehen, bin ich eindeutig kein Mann.“
Grant nickte: „Ja, das ist wohl eindeutig.“
Ich setzte den Hut wieder auf und sah die beiden selbstbewusst an. Ich war Richter Nolden. Ich hatte die Fabrik zu dem gemacht, was sie war und würde sie nun übergeben. Sie würden eine Lösung eher akzeptieren, wenn sie sich diese selbst zusammen reimten.
„Nun, da haben die in der Schreibstube wohl was verwechselt.“
Ich murmelte: „Darum sitzen diese Leute wohl in der Schreibstube. Ich zeige Ihnen, wo alles ist.“


Ich bin nun seit einer Woche als Richter Nolden unterwegs. Ich reite nach Westen und suche nach einer Siedlung. Ich habe den Codex gelesen, das kleine Lederbüchlein, das Nolden immer bei sich trug. Sicher haben sie seine Leiche inzwischen gefunden und gewiss suchen sie jetzt nach mir. Aber mit jedem Schritt, den mein Pferd läuft, erweitert sich der Suchradius meiner Jäger.
Trotzdem brauche ich noch viel Glück auf meiner Reise. Alleine bin ich ein gefundenes Fressen für die Sipplinge und Gendos.
Ob ich Angst habe? Nein. Ich wusste schon immer, dass ich eines Tages sterben werde. Nur eines hat sich geändert, seit ich Richter Nolden bin:
Ich stinke nicht mehr und ich fühle endlich wieder das Leben.
Last edited by Esem on Sat Mar 19, 2016 6:04 am, edited 1 time in total.
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Re: [Kurzgeschichte] Richter Nolden

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by Ryker Thu Mar 10, 2016 10:56 pm
Was für ne abgründige Fantasie! :evil:

Eine total coole Geschichte und sehr dicht beschrieben. Was für kaputte Typen: Kalte Berechnung schlägt Überheblichkeit. Gefällt mir sehr gut.

Wenn du einverstanden bist, übernehme ich sie gerne ins Wiki.
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Re: [Kurzgeschichte] Richter Nolden

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by Esem Thu Mar 10, 2016 11:48 pm
Danke, für das Kompliment. Ich war nicht sicher ob ich nicht etwas zu vulgär geschrieben habe.
Wenn ich dadurch ein Zitat in einem Wiki erhalte....wow um so besser. Nur zu, hau es rein!
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Re: [Kurzgeschichte] Richter Nolden

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by Ryker Fri Mar 11, 2016 12:37 am
Degenesis ist eine vulgäre Welt voller Niedertracht und Verrohung, darum finde ich deinen Schreibstil so passend.

Ich hab's ins Fanwork übernommen (Kurzgeschichten). Werde dort in den nächsten Tagen noch Tippfehler beseitigen, aber dafür bin ich jetzt zu müde. Hoffe, das ist so in deinem Sinne?
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Re: [Kurzgeschichte] Richter Nolden

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by Scallen Thu Mar 17, 2016 3:44 pm
So ich kam endlich mal zum lesen.
Ich finde es wundervoll geschrieben, grade im richtigen Maß unflätig.
Die Wendung ist wunderbar und die Thematik der eigenen Doppelmoral und inneren Zwiespalts ist super.
Die Charaktere sind gut umschreiben und sehr realistisch.

Das Ende ist herrlich, auch wenn ich etwas grübeln musste bis ich verstand das sie damit den Ausbruch aus ihrem festgefahrenen miesen Leben meint, in dem sie gefangen war.
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