[KURZGESCHICHTE] Ante portas

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[KURZGESCHICHTE] Ante portas

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by Horned Owl Sun Oct 26, 2014 12:08 pm
Der Weg entlang der A45 zog sich. Sperling gähnte ungeniert und fing an, Unfug zu machen, die Ärztin murrte, Eleazar schwieg. Unter Radbods wachsamen Augen unterließ ich sorgfältig jedes Anzeichen von Sattelmüdigkeit, das ihm eine Gelegenheit zu einem unerträglich-überlegen-amüsierten Protektorenblick hätte geben können, und hatte damit mehr als genug zu tun. Er natürlich ließ sich nichts anmerken, nahm bloß alle zwei Stunden einen Schluck aus der Korbflasche mit dem Selbstgebrannten. Ein echter Protektor wird nicht müde, solange er die Spur eines Flüchtigen verfolgt, das ist Ehrensache. Zumindest gilt das, solange ein Advokat zuschaut, vermutete ich. Es wurde ein später und ziemlich gereizter Abend, bis wir die nächste Station auf der Trasse erreichten.

Eine merkliche Häufung der Ohomifladen auf der Straße kündete von der Existenz der Siedlung, lange bevor sie vor uns aus dem Staub auftauchte. Aufeinandergetürmte Autokarosserien, hauchdünn vom Rost, waren durch ihr Eigengewicht ineinandergesackt und hatten sich so zu einer verwirrenden, amorphen Masse vereinigt. Gekrönt wurde dieses Prachtbauwerk von einer hölzernen Palisade. Das Tor zur Autobahn bestand aus aneinandergefesselten Stahlträgern und sah recht solide aus, ebenso wie ein vorgelagertes Bergmassiv aus dicken Fellen, unter dem Schweinsäuglein und ein beeindruckender, fettiger Wanst glitzerten. Neben dem Wächter lag ein doppelläufiges Schrotgewehr auf einem wackeligen Tisch, und zwanzig Schritte hinter ihm saßen drei etwas schütterer bepelzte Gestalten mit ungepflegten Armbrüsten, Bärten und Haaren um ein blakendes Feuerchen und tranken Tee.

In angemessener Entfernung zu diesem malerischen Tableau stiegen wir ab und führten unsere Gäule zum Tor. Dabei gewannen wir das Rennen nur knapp gegen eine Gruppe von fünf mageren Männern und sechs schwer bepackten Eseln, die aus der Gegenrichtung angeschnauft kamen. Staubbrillen und turbanartig geschlungene Stofffetzen machten die Gesichter völlig unkenntlich, bloß die unrasierten, verbissenen Mundpartien waren zu sehen. Eleazar schaute sie unverwandt und schweigend an, bis sie nervös wurden und den ohnehin halbherzigen Versuch aufgaben, uns überholen zu wollen. Ich lächelte dem vordersten Händler flüchtig zu, was dieser mit einem undefinierbaren Zähnefletschen erwiderte.

Dann wandte ich mich zum Torwächter, musterte ihn und tippte an die Hutkrempe. Das also war das letzte Hindernis zwischen uns, einem weichen Bett und einer warmen Mahlzeit. Der erste Eindruck verhieß nichts Gutes. Ein unpassend hochmütiger Ausdruck auf seinem runden Gesicht besagte: hier stand jemand, dem sein Posten möglicherweise etwas zu Kopf gestiegen war. Seine drei Kumpane am Feuer verfolgten meine Annäherung mit dem kühlen Blick von Eidechsen.

„Zehn Wechsel für jeden“, meinte der Dickfellige anstelle einer Begrüßung und hob die Schrotflinte vom Tisch. Flugrost bedeckte die Rohre, und eins war verzogen, wie man unschwer bemerken konnte. Er hielt das Ding in der Hand, als sei er unschlüssig, ob er sie drohend auf uns richten oder sich damit in Heldenpose werfen sollte. Letztlich tat er nichts davon, schwang sie einfach etwas hin und her, um uns an ihre Anwesenheit zu erinnern.
Ich setzte meine dienstlich-neutrale Miene auf, brummte und nickte. Ein Wassertropfen lief mir unter dem Hutband in den Nacken. Irgendwas an meinem Brummen gefiel ihm nicht, deshalb setzte er nach: „Und eine halbe Stunde mit deiner Süßen hier.“ Mit dem Kinn und der Flinte wies er auf Sperling.

„Kommt nicht in Frage“, meinte ich sehr dienstlich und merkte, wie mein Richterlächeln falsch wurde. Er grinste breit und fies. Die schielende Flinte schwang wieder hin und her. „Und dein Kumpel? Sieht mir doch sehr nach einem Jehammedaner aus? Wenn du willst, dass er mit rein darf, kann deine Kleine mir auch gleich noch einen blasen. Zusätzlich, versteht sich.“ Sperling zupfte mich am Ärmel. Ich ging nicht darauf ein.

Von hinten hörte ich es rascheln, und Radbod griff nach meiner Flinte. Das fehlte noch. Gleich würde er losballern, und von der Vorstellung einer geruhsamen Nacht in dieser Siedlung konnten wir uns verabschieden. Im Schatten des Torbogens konnten sich weitere bewaffnete Wächter befinden, und auf der Palisade... Ich fühlte, wie mir die Situation vollends entglitt. Aber zu meiner nicht unbeträchtlichen Erleichterung fiel kein Schuss. „Kein Problem, hier ist seine Kleine, und die bläst dir gerne einen.“ Radbod trat an mir vorbei, hielt die schlanke Waffe locker am Schaft, die punktgroße Mündung zeigte in die generelle Richtung von Dickfells umfangreicher Körpermitte. „Könnte allerdings sein, dass dein kleiner Herr da drin ein bisschen viel Spielraum hat.“ Ich stöhnte innerlich auf, aber noch schoss uns der Dicke nicht über den Haufen. Ihre Blicke verbissen sich ineinander wie zwei streitende Gendos, Radbod grinste sein Raubtiergrinsen, und der Kerl grinste immer noch zurück. Männersache.

„Lass ihn doch“, zischte Sperling mir ins Ohr, wobei sie sich auf Zehenspitzen stellte. „Mehr als zehn Minuten schafft er eh nicht auf mir, und danach sag ich ihm, dass seine Größe ein bisschen zu wünschen übrig lässt, und dass ich schon mit besseren gearbeitet habe. Was meinst du, was das mit seinem Ego macht.“

Ich tat, als würde ich darüber nachdenken. Dann schüttelte ich den Kopf. „Nein. Dann lässt er seine Demütigung solange an den nächsten Reisenden aus, bis er wieder Oberwasser hat. Ich kenn die Sorte.“

„Ohne Demütigung kommen wir sowieso nicht an ihm vorbei“, mischte sich jetzt leise auch noch Fräulein Doktor ein. „Schauen Sie ihn sich an. Er ist fest entschlossen, jemanden zu schikanieren. Egal, was Sie jetzt noch sagen, er wird seine Forderungen einfach erhöhen.“ Na großartig. Jetzt hatte jeder schon eine Meinung zur Sache. Zumindest Eleazar, der Schweiger, schwieg, und dafür war ich ihm ziemlich dankbar. Menschen, die zur richtigen Zeit die Klappe halten können, werden einfach zuwenig gewürdigt. Zeit, den Advokaten aus der Tasche zu holen und zu retten, was zu retten war. Ich straffte mich.

„Ihre Preise. Entsprechen sie geltendem Recht hier?“ fragte ich liebenswürdig. Mein Lächeln wurde wieder echter.

„Klar.“ Dickfell zog den Blick widerwillig von Radbod ab. Seine Flinte konnte sich nicht entscheiden und schielte jetzt irgendwo zwischen uns beide. „Redest du immer so gedreht?“

„Das bedeutet also, sie gelten für alle Reisenden.“

„Japp. Was ist, willst du jetzt zahlen oder nicht? Die Puppe kann da schonmal in den Schuppen rüber.“

„Was ist mit Reisenden, die kein Mädchen dabeihaben, an dem Sie sich auslassen können?“ bohrte ich nach. Radbod hörte bereits auf, mit den Augen über die vermasselte Gelegenheit zu einem Männlichkeitsduell zu rollen, und begann wieder zu grinsen. Dann zwinkerte er Sperling zu.

„Die zahlen dann mehr.“

„Wieviel mehr?“

Der Dicke überlegte. Man sah, wie es in seinem Kopf arbeitete, denn die Stirnfalten schwappten wie eine zähe Flüssigkeit von links nach rechts, von rechts nach links.

„Hundert Wechsel.“ Sperling schnaubte neben mir empört die Luft aus der Nase, vermutlich erschien ihr der Vergleichswert entschieden zu niedrig.

„Gerade aus der Luft gegriffen, vermute ich, aber die Zahl soll uns als Richtwert genügen. Meine Herren“, wandte ich mich an den beturbanten Händler und seine Freunde, „dieser Mann wird von Ihnen hundertundzehn Wechsel per capita dafür verlangen, dieses Tor passieren zu dürfen.“

„He, Mann, das ist dein Streit, nicht meiner“, meinte er und wich ein Stück zurück.

„Oh, wir haben keinen Streit“, meinte ich und lächelte Dickfell gewinnend an. „Wir verstehen uns vollkommen. Nun, meine Freunde und ich müssen uns erst noch beratschlagen, ob wir genügend Geld und, äh, andere Dienste aufbringen können, um den Zerberus und seine Freunde zu bezahlen. Wir lassen Ihnen also einstweilen den Vortritt. Was Recht ist, muss auch Recht bleiben: Hundertzehn Wechsel pro Kopf – ich denke, dass da die Esel mitzählen, schließlich haben sie auch Köpfe. Ich werde ihm selbstverständlich helfen, Ihnen die Penunze abzunehmen. Geltendes Recht darf nicht mit Füßen getreten werden.“

„Was?“ fragte der Mund in den Turbanfalten. Ich lächelte nachsichtig und setzte es ihm noch einmal auseinander. Radbod grinste, warf sich mein Gewehr über und stellte sich kameradschaftlich Schulter an Schulter mit dem Dicken, der alarmiert zu ihm herübersah. Den wechselnden Ausdrücken nach zu schließen, die mit der Geschwindigkeit von Melasse über sein Gesicht krochen, suchte er die Situation nach einem Grund ab, seine Kumpane von ihrem Teeplausch herüberzurufen, ohne sich lächerlich zu machen. Der Turbanträger trat nervös auf der Stelle und versuchte sich kleinzumachen, seine Knechte schauten demonstrativ in die staubige Gegend und machten damit klar, dass sie diese Schwierigkeit ihrem Chef zu überlassen gedachten.

„Also bitte, meine Herren. Die Stunde schreitet voran, und dieser aufrechte Bürger“, ich wies mit dem Kinn auf den Fellberg, „hat es nicht verdient, dass Sie ihn von seinem redlichen Tagwerk über Gebühr abhalten. Also, zahlen Sie bitte – unterbrechen Sie mich, Doktor, wenn ich mich irre, aber ich komme auf summa eintausendzweihundertundzehn Wechsel? – oder machen Sie den Weg frei für zahlungskräftigere Reisende. Ich kenne die Rechtslage nicht genau, aber ansonsten machen Sie sich möglicherweise des Streunens oder Herumlungerns schuldig. Dieser gute Mann wird ihnen sicher gerne die Höhe des hier üblichen Bußgeldes für Herumlungern nennen.“

„Eintausend–?“ So langsam kam der Händler darauf, dass ich es ernst meinen könnte. Er hob abwehrend die Hände. „Ich will hier meine Ware verkaufen, und soviel Gewinn mache ich hier nie im Leben!“

Ich nickte ernst. „Das hätte ich auch vermutet. Dann machen Sie sich bitte wieder auf den Weg, und ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Ich hoffe, niemand hier ist auf Ihre Ware angewiesen, oder hat gar etwas bei Ihnen bestellt...“

„Halt!“ rief der Dicke. „Ich mache hier die Preise!“

Ich drehte mich mit meinem besten Lächeln zu ihm um.

„Oh, ja, selbstverständlich. Das tun Sie. Tun Sie doch, oder?“

Er stellte sich so nah vor mich, dass ich das ranzige Fett roch, mit dem sein Fell eingerieben war. Von Nahem wirkte er nicht nur optisch, sondern auch auf den Geruchssinn beeindruckend, und ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Pass auf, du kleiner Scheißkerl“, zischte er, „diese Händler kommen jetzt für fünf pro Kopf rein, nur um dich zu ärgern. Aber du, für deine Unverschämtheit –„

Ich setzte eine unschuldige Miene auf und hielt seinem Blick und schlechten Atem stand. Dann war Radbod da, endlich. Er klopfte dem Mann auf die bepelzte Schulter und meinte nebenhin: „Oh, entschuldige meinen Freund hier. Es ist nur so: Er ist ein bisschen ein Sensibelchen.“ (Danke, dachte ich. Das hatte er sich nicht verkneifen können.) „Und er hat deinen Scherz von vorhin einfach in den falschen Hals bekommen. Nichts für ungut.“

Der Dicke schaute ihn unschlüssig an. Seine Kameraden standen schon langsam vom Teefeuer auf. Vielleicht dauerte ihnen das Ganze zu lange. Auf jeden Fall gab der Gedanke, ihnen die verwirrenden Details der Sache schildern zu müssen, ganz zu schweigen von der passiven Figur, die er dabei gemacht hatte, den Ausschlag. Dickfell bedachte mich noch mit einem finsteren Blick, dann knurrte er Radbod leise zu: „Also gut, zwanzig pro Nase. Ich hab heute gute Laune. Her damit, und seht zu, dass ihr Land gewinnt!“ Radbod grinste unerträglich, leckte die Finger an und zählte umständlich hundert Wechsel ab. Der Fette riss sie ihm aus der Hand und schnauzte: „Und jetzt verschwindet, bevor ich es mir anders überlege!“ Dabei gestikulierte er bedrohlich mit der Doppelläufigen. Radbod tippte sich ungerührt an den Hut, schlenderte zu der Stute herüber und stieg auf. Im Vorbeireiten warf er dem Fellberg die halbvolle Korbflasche zu.

„Was noch, Scheißer?“ fuhr der Dicke wieder auf.

„Ein Extra für guten Service. Ich werd euch weiterempfehlen. Zum Wohl!“ Und damit fasste Radbod sich wieder an den Hutrand, ohne die Miene zu verziehen, und stupste das Pferd zum Schritt an. Ich griff nach den Zügeln und folgte, unschlüssig, ob ich dem Dicken noch einmal zunicken sollte. Ich unterließ es: Er sah schon jetzt aus, als würde er gleich platzen. Sperling hatte keine solchen Hemmungen. Sie lächelte süß und warf ihm von meinem Sattel aus eine Kusshand zu.
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Re: [KURZGESCHICHTE] Ante portas

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by Esem Fri Mar 11, 2016 9:57 am
Sehr schöne Geschichte!

Besonders gefällt mir dass es einen "Gruppengeschichte" ist und nicht wie sonst im Endzeitmetier oft üblich die "allein gegen den Rest der Welt"-Masche!
Auch in sich ist die Sache irgendwie rund und schlüssig.

Mehr davon bitte!
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Re: [KURZGESCHICHTE] Ante portas

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by Ryker Fri Mar 11, 2016 6:32 pm
Oh ja. Sehr schön geschrieben. I like.
Die Geschichte hatte ich glatt übersehen.

Auch hier meine Frage an Horned Owl: Darf ich sie ins Wiki übernehmen?
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